Funktioniert geschlechtsneutrale Erziehung?

Maedchen_Fussball_123_750.jpg
© 123RF

Wenn kleine Mädchen auf Rosa von Kopf bis Fuß bestehen und Jungs – natürlich im Fußballtrikot – als Ritter den Feind besiegen, dann regen sich bei vielen Eltern leise Zweifel: Sind die typisch weiblichen und männlichen Verhaltensweisen nicht vielleicht doch angeboren? Und falls nicht – warum finden sich Kinder trotz aller Bemühungen spätestens mit dem Beginn der Kindergartenzeit doch wieder in den klassischen Geschlechterrollen?

Kinder brauchen die Chance, frei aufzuwachsen und ihre eigene Persönlichkeit entfalten zu können, ohne von elterlichen Vorstellungen eingeengt zu werden. Aber wie funktioniert eine geschlechtsneutrale Erziehung und lässt sie sich im Alltag überhaupt umsetzen? Wir haben die wichtigsten Infos für Sie zusammengefasst.

Wie werden Geschlechterrollen beeinflusst?

Angeboren oder anerzogen

Wissenschaftler sind sich einig, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern ein komplexes Zusammenspiel von genetischer Veranlagung und den Einflüssen unserer Umwelt sind. Neben den eindeutigen körperlichen Merkmalen gibt es auch spezifische Verhaltensunterschiede bei Jungen und Mädchen, die sie bereits im Mutterleib zeigen. Andere Merkmale werden anerzogen – und auch hier können Eltern nur bedingt Einfluss nehmen.

Angeboren: Jungen sind schon im Mutterleib körperlich aktiver als Mädchen. Neugeborene Jungen betrachten eine abstrakte Abbildung mit größerer Aufmerksamkeit, während Mädchen mehr Interesse an menschlichen Gesichtern zeigen. Auch später sind Jungen risikobewusster und körperbetonter, während kleine Mädchen in ihrer Feinmotorik und ihrer Sprachentwicklung gleichaltrigen Jungen meist voraus sind.

Anerzogen: In vielen Kindergärten gibt es kaum oder gar kein Bewusstsein für geschlechtsneutrale Erziehung: Mädchen werden zum Basteln, Vorlesen und zum Spielen in der Puppen-Ecke animiert, während die Jungs toben und mit Autos spielen. Auch im Einzelhandel, zum Beispiel bei Spielwaren und Kinderkleidung, wird stark geschlechtertypisch beraten. Und nicht zuletzt sind es Familie und Freunde, die mit Bemerkungen wie „Das ist aber nichts für Mädchen“ oder mit dem nächsten Spielzeugbagger zum Geburtstag die Rollenklischees festigen.

Das sagt die Expertin: Geschlechtergerecht statt geschlechtsneutral

„Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sollen und dürfen sein. Es geht nicht um Gleichmacherei, sondern um Chancengleichheit“, sagt die Pädagogin Melitta Walter, die sich seit vielen Jahren mit der geschlechtergerechten Erziehung beschäftigt und zehn Jahre den Fachbereich „Geschlechtergerechte Pädagogik und Gewaltprävention“ im Schulreferat München leitete. „Kinder brauchen Möglichkeiten, die unterschiedlichsten Ausprägungen von männlichem und weiblichem Verhalten zu erleben. Aus diesem Pool an Vorbildern können sie sich die Elemente heraussuchen, die sie selbst als passend empfinden.“

Alle gleich? Grenzen der geschlechtsneutralen Erziehung

Junge_Kueche_250.jpg

Wunsch und Wirklichkeit klaffen bei der geschlechtsneutralen Erziehung mitunter auseinander: Unbewusst gehen viele Eltern unterschiedlich mit Söhnen und Töchtern um. So haben Studien gezeigt, dass Eltern mit neugeborenen Mädchen mehr sprechen als mit Jungen. Und auch, wenn Eltern sowohl Ritterburg als auch Einkaufsladen in das Kinderzimmer stellen, sind häufig die geschlechtertypischen Spielzeuge mehr im Vordergrund oder leichter erreichbar.

Ausprobieren: Alle Kinder wollen sich in ihrer Geschlechterrolle ausprobieren – und nicht selten werden dabei die gängigen Klischees überstrapaziert. Mädchen wollen nur noch Rosa, reden von Prinzessinnen und begeistern sich für Haarschmuck, während Jungen toben, brüllen, Kämpfe austragen und sich vehement von allem distanzieren, was mit Mädchen zu tun hat. Auch wenn es Eltern verzweifeln lässt – überzogenes Rollenverhalten ist Teil der kindlichen Entwicklung und ist wichtig, damit Kinder ihren Platz finden.

Eigene Vorstellungen: Klar, ein starkes Mädchen, das Fahrräder repariert oder Fußball spielt, finden die meisten Eltern gut. Mit einem sanften, kommunikativen Jungen, der viel Wert auf sein Aussehen legt, können sich nur wenige anfreunden. Die eigenen Vorstellungen von einem Jungen oder einem Mädchen sind meistens eben doch nicht völlig geschlechtsneutral.

Vorteile und Nachteile einer geschlechtsneutralen Erziehung

Freie Entfaltung: Der Vorteil einer Erziehung ohne Geschlechterklischees liegt auf der Hand: Kinder können sich freier entfalten und die Eigenschaften entwickeln, die ihrer Persönlichkeit entsprechen. Das Gefühl, ihren eigenen Weg finden zu dürfen, kann vielen Kindern ein Selbstbewusstsein geben, das ihren späteren Lebensweg prägt.

Äußere Einflüsse: Eine geschlechterneutrale Erziehung kann zu Hause wunderbar funktionieren. Spätestens mit dem Kindergarten werden die äußeren Einflüsse und damit auch die Konfrontation mit den Geschlechterrollen stärker. Viele Eltern sehen ihre Bemühungen der letzten drei Jahren nun den Bach hinuntergehen.

Anders sein: Kleine Jungen, die völlig unbefangen auf einem rosa Fahrrad unterwegs sind oder Mädchen, die stundenlang Eisenbahnschienen legen, sieht man nicht häufig. Eltern sind zu Recht stolz, wenn ihre Kinder ihre Vorlieben frei ausleben – für die Kinder bedeutet das aber mitunter auch, sich gegen Spott oder Unverständnis von Gleichaltrigen verteidigen zu müssen. Das geht nur mit viel Selbstbewusstsein und Rückhalt in der Familie.

Unverständnis: Vor allem Großeltern und Bekannte verstehen oft nicht, warum Jungen und Mädchen auf einmal keine Jungen oder Mädchen mehr sein sollen, so wie es eben immer war. Wer sein Kind geschlechterneutral erziehen möchte, muss auf Diskussionen mit dem Umfeld gefasst sein.