Ist es okay, seine Kinder anzulügen?

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Nein, würden die meisten Eltern aus dem Bauch heraus antworten. Kinder verdienen Ehrlichkeit, schließlich schenken sie uns ihr uneingeschränktes Vertrauen. Und wie sollen Eltern ihren Kindern beibringen, die Wahrheit zu sagen, wenn sie selbst lügen? Soweit die Theorie – beim genaueren Hinsehen finden sich aber jede Menge kleine und größere Lügen im Erziehungsalltag. Warum Eltern lügen und in welchen Situationen es in Ordnung ist, sein Kind anzulügen, haben wir für Sie im Folgenden zusammengefasst.

Aus welchen Gründen lügen Eltern ihre Kinder an?

Die meisten Eltern-Lügen lassen sich einer von zwei Kategorien zuordnen:

  1. Lügen, um ihr Kind vor Kummer oder Schaden zu bewahren
  2. Lügen aus Erziehungszwecken

Während Schutz-Lügen in aller Regel legitim sind, sind die Erziehungslügen eine Grauzone: Sie sind nicht notwendig und im Grunde ein Vertrauensmissbrauch – aber kaum ein Elternteil setzt diese Art Lügen nicht hin und wieder in der Erziehung ein:

Motivation: „Von Gemüse wirst du stark“ oder „Das tut überhaupt nicht weh“ – solche Lügen sollen Kinder motivieren, Dinge zu tun, die sie eigentlich ablehnen.

Drohen: „Wenn du weiter bockst, lasse ich dich hier“ oder „Wenn du die Zähne nicht ordentlich putzt, fallen sie aus.“ Eltern setzen die Ängste ihrer Kinder ein, um Ruhe zu schaffen oder Erziehungsziele durchzuboxen. Das Alleingelassen-Werden ist dabei meist die Kinderangst Nummer eins.

Stress vermeiden: „Ich habe kein Geld dabei“ oder „Der Spielzeugladen hat schon zu“ – wenn Eltern wissen, dass endlose Diskussionen oder Geschrei drohen, greifen sie oft zu einer Notlüge, um Stress im Vorfeld zu verhindern.

Diese Arten von Lügen sind nicht richtig, verständlich sind sie allemal: Kinder sind nicht immer offen für Erklärungen oder sachliche Diskussionen. Bevor sie sich mit dem nächsten Wutanfall auseinandersetzen oder Tränen trocknen müssen, greifen viele Eltern unbewusst zu einer Notlüge.

Kinder erkennen Lügen früher, als wir glauben

Unser Verhältnis zum Lügen ist ambivalent: einerseits gilt es als falsch, andererseits sind bestimmte Lügen gesellschaftlich anerkannt. Wenn Erwachsene die neue Frisur einer Bekannten loben oder am Telefon sagen, dass sie „leider gar keine Zeit haben“, dann tun sie dies meist, um Enttäuschung zu verhindern und nicht anzuecken. Kinder erkennen diese Muster schon früh. Schwierig wird es, wenn sie von den Eltern zu Komplizen gemacht werden. Wenn ein Kind die Lügen seiner Eltern decken muss („Mama ist nicht da ...“), dann steht das im direkten Widerspruch zu dem, was sonst gilt. Das kann Kinder verunsichern – und nicht selten fangen sie selbst an zu lügen.

Die großen Ausnahmen: In welchen Situationen ist Lügen erlaubt?

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Lob und Selbstvertrauen: Ein gekrakeltes Bild, ein unidentifizierbarer Kneteklumpen, ein schiefes Lied auf der Blockflöte – durch Lob erfahren Kinder Bestätigung und entwickeln Selbstvertrauen.

Märchen und Fantasie: Spannende Geschichten, kleine Geheimnisse und die tausend Rätsel des Alltags faszinieren Kinder und unterhalten sie. Teilweise helfen erfundene Geschichten – wie im Fall der Schnullerfee – auch über Veränderungen oder Verluste hinweg. Viele Kinder lauschen gebannt, wenn ihre Eltern „Seemannsgarn spinnen“ – solange solche Geschichten nicht eingesetzt werden, um Kindern zu drohen oder sie zu ängstigen.

Schutz: Wenn eine Lüge hilft, großen Kummer oder Schaden von Ihrem Kind abzuwenden, dann ist sie legitim, insbesondere wenn ein Kind zu klein ist, um abstrakte Ereignisse wie den Tod zu begreifen. Dennoch sollten Schutz-Lügen nur als Überbrückung dienen, bis Sie einen Weg gefunden haben, Ihrem Kind die Situation ruhig und verständlich zu erklären.

Lügen haben kurze Beine – vor allem in der Kindererziehung

Alle Eltern wissen, dass Lügen nicht okay ist – schließlich sind die meisten von ihnen selbst so erzogen worden. Tests zeigen, dass es sich anscheinend unmittelbar auf das Verhalten von Kindern auswirkt, wenn sie angelogen werden: So begannen Kinder, die festgestellt hatten, dass man sie belogen hatte, in der Folge prompt selbst, die Unwahrheit zu sagen. Man kann daraus schließen, dass Kinder es als eine Art von Legitimation wahrnehmen, wenn sie ihre Eltern oder andere Bezugspersonen beim Lügen ertappen.

Checkliste. Wann ist Lügen ok – und wann nicht?

  • Märchen-Lügen, wie Weihnachtsmann und Osterhase, sind verbreitet – können aber große Enttäuschung und Vertrauensverlust nach sich ziehen.
  • Schutz-Lügen helfen, akute Situationen zu überstehen, und Zeit für eine altersgerechte Erklärung zu finden.
  • Droh-Lügen können abstrakte Ängste bei Kindern auslösen – besser darauf verzichten.
  • Lob-Lügen bestätigen Kinder und stärken ihr Selbstbewusstsein – solange sie nicht zu euphorisch und unrealistisch sind.
  • Fantasie-Lügen faszinieren Kinder – im Zweifelsfall sollten Sie sie aufklären, dass Sie nicht die Wahrheit sagen.
  • Lügen aus Bequemlichkeit oder um einem Konflikt aus dem Weg zu gehen besser vermeiden – Kinder durchschauen diese Art Lügen schnell und nehmen sie als legitim hin.