Wie wächst mein Kind ohne Leistungsdruck auf?

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Wer heute ein Kind bekommt, merkt schnell, wie ernst die frühkindliche Förderung genommen wird: Von Baby-Yoga über musikalische Früherziehung bis hin zu Sprachkursen für die Allerkleinsten stehen Eltern alle Möglichkeiten offen, ihr Kind optimal auf die Zukunft vorzubereiten. Und so entwickeln Eltern einen Ehrgeiz, der ihre Kinder – und nicht selten auch sie selbst – völlig überfordert. Aber was brauchen Kinder wirklich für eine gesunde Entwicklung? Die meisten Experten sind sich in dieser Frage einig: Statt Leistungsdruck brauchen Kinder vor allem Zeit zum Spielen.

Lasst Kinder spielen!

Kinder, die stundenlang und ohne Anleitung der Eltern spielen – das ist eigentlich das Normalste der Welt. Es gilt als erwiesen, dass das freie Spiel, die intensive Auseinandersetzung mit sich selbst und der Umwelt, eine grundlegende Voraussetzung für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und für die Entfaltung ihrer individuellen Potenziale ist. Und doch haben viele Kinder heute kaum noch die Möglichkeit, ganz in ihrer eigenen Spiel-Welt zu versinken. Aus Angst, ihrem Kind nicht gerecht zu werden, organisieren Eltern die komplette Freizeit ihrer Kinder, bringen sie zu Nachmittagskursen oder planen Verabredungen und Freizeitaktivitäten. Ein Pensum, das für die Kinder vor allem Stress bedeutet, das Familienleben belastet – und meist mehr Druck aufbaut als Erfolg zeigt.

Warum also der Leistungsdruck? Der Grund für diesen Förderwahn ist nicht selten eine tiefe Verunsicherung der Eltern in Bezug auf ihre Kinder:

Kinder funktionieren nicht wie Erwachsene: Erwachsene empfinden Spiel als Freizeitbeschäftigung oder als „sozialen Kitt“ – für Kinder ist es ihr Alltag und eine natürliche Form des Lernens.

Lernerfolge im Spiel sind nicht messbar: Die Entwicklungsfortschritte, die Kinder im Spiel machen, sind fließend und lassen sich nicht wie bei einem Sprach- oder Sportkurs bewerten. Das macht es für leistungsorientierte Eltern schwierig, diese Fortschritte zu erkennen bzw. anzuerkennen.

Verunsicherte Eltern:
In dem Bestreben, alles richtig zu machen, verlieren Eltern das Vertrauen in ihre eigene Erziehungskompetenz. Es fällt ihnen zunehmend schwerer, die Kontrolle auch mal abzugeben und die Kinder einfach spielen zu lassen.

Druck von außen:
Bei vielen modernen Eltern ist der Fördergedanke fest im Kopf verankert. Wer sein Kind beim Spielen „sich selbst überlässt“, gerät schnell in Verdacht, kein ausreichendes Interesse an seiner Entwicklung zu zeigen.

Eine überhöhte Erwartungshaltung der Eltern nimmt einem Kind schnell die Freude am Lernen und langfristig auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Natürlich können Sie Ihr Kind in seinen Interessen und Talenten unterstützen. Vor allem aber sollten Kinder eins: Spielen.

Freies Spielen statt Terminstress – die beste Förderung

Die Welt aus Kinder-Perspektive: Im Spiel wird die Welt für Kinder greifbar. Sie stellen bekannte Situationen nach, verarbeiten oder „üben“ diese und entwickeln auf diese Weise ihre sozialen Kompetenzen.

Motorik-Training:
Im freien Spiel leben Kinder ihren natürlichen Bewegungsdrang aus. Beim Toben, Klettern und Fangenspielen üben sie ihre körperlichen Fähigkeiten wie Koordination, Kraft und Ausdauer und lernen auch ihre Grenzen kennen.

Forscherdrang: Ganz gleich, ob Kinder in der Sandkiste matschen, mit Stöckern auf dem Gartenweg stochern oder Steine und Tannenzapfen sortieren – auch im völlig selbstvergessenen Spiel gibt es immer einen Lerneffekt: Kinder erkunden ihre Umwelt und lernen Materialien, Funktionen und Zusammenhänge kennen.

Kommunikationstraining:
Spielen ist kommunikativ, sowohl, wenn Kinder im gemeinsamen Spiel kommunizieren, als auch, wenn sie beim Spielen allein vor sich hin plappern. Die Kinder nutzen ihre Sprache, um Gedanken festzuhalten und zu sortieren oder um Konflikte zu lösen.

Abstrakte Denkübungen:
Schon früh beginnen Kinder mit „Als ob“-Spielen, bei denen sie in verschiedene Rollen schlüpfen oder sich eine neue Welt erschaffen. Diese einfachen Spiele fördern nicht nur die Fantasie, sondern sind auch eine abstrakte Denkleistung – auf spielerische Weise erschließen sich Zusammenhänge und deren Konsequenzen.

Konzentrationsübung:
Kinder können stundenlang spielen, tief versunken in ihre Welt und trainieren dabei ihre angeborene Fähigkeit zur Konzentration, ebenso wie die Bereitschaft, Herausforderungen zu meistern und Konflikte zu lösen.
 

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Entwicklung unterstützen

Ganz ohne Leistungsdruck

  • Raum und Zeit zum Spielen geben: Kinder brauchen Platz und freie Zeit, um sich auszutoben und eigene Ideen umzusetzen.
  • Kinderzimmer entrümpeln: Haufenweise Spielzeug regt nicht unbedingt zum Spielen an – häufig kommen Kinder leichter in ein Spiel hinein, wenn sie eine überschaubare Auswahl haben.
  • Aufmerksam sein: Kinder allein spielen zu lassen bedeutet nicht, sie sich selbst zu überlassen – nehmen Sie Anteil an kleinen Erfolgen und unterstützen Sie, wenn Ihr Kind Sie darum bittet.
  • Gemeinsame Zeit verbringen: Kinder lernen einerseits beim Spielen und andererseits durch Vorbilder. Gemeinsame Unternehmungen wie ein Zoobesuch oder Schwimmen gehen sind toll – aber auch ein Waldspaziergang oder ein Buch, das Sie zusammen lesen, setzen Lernprozesse in Gang.
  • Kreativ sein: Eltern können die Fantasie ihrer Kinder mit Geschichten, Liedern und gemeinsamen Spielen anregen. Auch frei verfügbare Bastelmaterialien und Malsachen regen die Kreativität und Eigeninitiative von Kindern an.