Pädagogische Konzepte – Ansätze und Ideen

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Bei der Entscheidung der Eltern für eine bestimmte Krippe, Kita oder Schule spielt das pädagogische Konzept eine wichtige Rolle. Es stellt die grundsätzliche Haltung einer Einrichtung dar und legt genau fest, wie Lern- und Entwicklungsziele in der Praxis umgesetzt werden. Auch im Familienalltag verfolgen Eltern ihr persönliches pädagogisches Konzept mit ihrem eigenen Erziehungsstil , der mehr oder weniger bewusst umgesetzt wird.

Zwischen Füttern und Spielen, Windelwechseln und Aufräumen, Wäschewaschen und Krabbelgruppen – und hin und wieder sogar etwas Schlaf – kommen regelmäßig Fragen und Zweifel auf, die allen Eltern vertraut sind: Entwickelt sich mein Baby normal? Ist es gesund und zufrieden? Wie kann ich mein Kind unterstützen und was erwartet mich in den nächsten Wochen und Monaten?

Ganz gleich, ob Sie intuitiv erziehen, ein bestimmtes Konzept verfolgen oder einzelne Elemente verschiedener Ansätze in die Kindererziehung einfließen lassen: Wir haben für Sie einige pädagogische Konzepte in ihren Grundzügen skizziert, die Ihnen vielleicht Anregungen rund das komplexe Thema der Kindererziehung bieten können.

Welcher Erziehungsstil passt zu mir?

Der Großteil der Eltern erzieht seine Kinder hauptsächlich „aus dem Bauch heraus“, sprich, auf der Grundlage eigener Erfahrungen und Überzeugungen. Viele holen sich zudem Tipps bei Erziehungsratgebern, bei Freunden oder bei den eigenen Eltern, oder sie orientieren sich am pädagogischen Konzept der Kita. Um Ihren individuellen Erziehungsstil zu finden, müssen Sie nicht unbedingt die verschiedenen pädagogischen Ansätze kennen, denn meist funktioniert es schon ganz gut, wenn ein paar grundsätzliche Dinge stimmen:

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Authentisch: Der gewählte Erziehungsstil muss den eigenen Werten entsprechen. Klingt völlig selbstverständlich, in der Praxis bedeutet das aber, auch die eigene Haltung kritisch zu reflektieren: Sind Sie Ihrem Kind ein Vorbild bei den Grundsätzen, die Sie ihm vermitteln möchten?

Alltagskompatibel: Ihr Erziehungsstil muss nicht nur zu Ihren Überzeugungen passen, er muss auch mit dem Familienalltag vereinbar sein. Überspitzt formuliert: Wenn ein bestimmter Ansatz richtig erscheint, aber in der Umsetzung lediglich Nerven kostet, dann belastet das auf Dauer vielleicht das Familienleben.

Kein Druck: Setzen Sie sich nicht unter Druck, bestimmte pädagogische Arbeit leisten zu müssen. Die Erziehung des eigenen Kindes ist emotional und manchmal scheint es unmöglich, dem eigenen Erziehungsstil getreu zu reagieren. Wichtiger als eine hundertprozentige Linie zu fahren ist es, dass Sie die Bedürfnisse Ihres Kindes nicht aus dem Blick verlieren.

Offen bleiben: Nicht nur die Entwicklung Ihres Kindes, sondern auch das Familienleben und das soziale Umfeld sind dynamisch. Da scheint es nur logisch, wenn auch der Erziehungsstil Veränderungen zulässt. Das heißt nicht, die persönlichen Grundsätze aufzugeben, sondern vielmehr, offen zu bleiben für neue Ideen und Ansätze.

An einem Strang: Erziehung ist Familiensache. Das bezieht nicht nur beide Elternteile mit ein, sondern auch die Kinder selbst. Ihre Erziehung sollte die Besonderheiten und die Bedürfnisse Ihres Kindes berücksichtigen, um ihm nicht nur die grundlegenden Werte, sondern auch Selbstbewusstsein und ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln.

 

Wichtige pädagogische Konzepte im Überblick

Reggio-Pädagogik

Ursprung und Grundsatz: Benannt nach der pädagogischen Arbeit in den kommunalen Kindertageseinrichtungen der italienischen Stadt Reggio nell’Emilia, ist die Reggio-Pädagogik eher eine Erziehungsphilosophie als ein didaktischer Ansatz. Im Mittelpunkt steht das Verständnis vom Kind als Entdecker, das seine Welt neugierig und selbständig erkundet.

In der Praxis: Im Kindergarten haben die Kinder Zugang zu den unterschiedlichsten Mal-, Bastel- und Gestaltungsmaterialien und entscheiden selbst, was sie wann und wie lange machen möchten. Jedes Kind kann seine eigene Ausdrucksform finden und so seine emotionalen und praktischen Kompetenzen entwickeln. Die Erzieher begleiten wertschätzend, ohne die Kinder anzuleiten, und dokumentieren die Arbeiten, damit die Kinder ihre Lernerfolge über die Zeit sehen können.

Verbreitung: Seit Anfang der 1990er-Jahre ist das Konzept weltweit bekannt. Flächendeckend umgesetzt wird es nur in Reggio, auch weil der Ansatz eine enge Zusammenarbeit von Kommune, Eltern und Erziehern erfordert. In Deutschland gibt es zertifizierte Reggio-Kindergärten, die nach dem Ansatz arbeiten.

Emmi-Pikler-Pädagogik

Ursprung und Grundsatz: Die ungarische Kinderärztin Emmi Pikler erkannte schon in den 1930er- und 40er-Jahren die Bedeutung der Säuglings- und Kleinkinderziehung für die gesunde Entwicklung von Kindern und beschritt damit neue Wege in der frühkindlichen Pädagogik. Ihre Grundannahme, die auch auf der Erfahrung mit ihrer eigenen Tochter beruhte, lautete dabei, dass Babys von Anfang an Bewegungsfreiheit brauchen, um ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Zudem sollten Eltern von Anfang aktiv und liebevoll mit ihren Kindern kommunizieren, um ihnen Sicherheit und Zufriedenheit zu vermitteln.

In der Praxis: Das Konzept Piklers lässt sich auf die frühkindliche Erziehung zuhause ebenso anwenden wie auf die Arbeit in Krippen und Kindergärten. Ein achtsamer, kommunikativer Umgang mit den Kindern und freies, nicht angeleitetes Spielen und Entdecken stehen dabei im Vordergrund. Babys werden von Anfang an „aktiv“ in Handlungen wie Wickeln, Anziehen oder Füttern einbezogen, indem Eltern oder Erzieher mit ihnen kommunizieren. Zudem bekommen die Kinder den Raum und die Zeit, ihre Umgebung selbstständig und in ihrem eigenen Tempo zu erkunden. Die Erwachsenen begleiten und loben Erfolge, ohne die Kinder anzuleiten.

Verbreitung: Emmi Pikler ist nicht vielen bekannt, ihr Ansatz stimmt jedoch in vielen Bereichen mit den neueren Erkenntnissen der Kleinkindpädagogik überein. In Ungarn gibt es das von Emmi Pikler gegründete weltbekannte Lóczy-Institut für Säuglings- und Kinderpflege, in Deutschland gibt es einige Kindertagesstätten, die nach dem Konzept Piklers arbeiten.

Situationsorientierter Ansatz

Ursprung und Grundsatz: Der situationsorientierte Ansatz wurde in den 1980er-Jahren vom Kieler Sozialpädagogen Armin Krenz in Abgrenzung zum Situationsansatz der 1970er-Jahre entwickelt. Die Grundannahme des situationsorientierten Ansatzes ist, dass Handlungen und Verhalten von Kindern eine Folge ihrer Erlebnisse in der Vergangenheit sind. Indem man Kindern hilft, ihre individuellen Erfahrungen vollständig zu verarbeiten, vermittelt man ihnen die nötige Sicherheit, ihre sozialen und emotionalen Kompetenzen zu entwickeln.

In der Praxis: Der situationsorientierte Ansatz ist eher eine erzieherische Haltung als ein didaktischer Regelsatz. In der praktischen Umsetzung müssen Eltern und Erzieher eng zusammenarbeiten: Jedes Kind wird in seiner individuellen Ausdrucksform aufmerksam beobachtet, um zu verstehen, welche Erlebnisse es beschäftigen. Diese individuellen Situationen werden gemeinsam mit den Kindern thematisiert und aufgearbeitet.

Verbreitung: Der situationsorientierte Ansatz hat deutschlandweit und in Europa viel Beachtung gefunden, weil er als Erziehungshaltung die individuelle Entwicklungsunterstützung in den Vordergrund stellt. Viele Krippen und Kindergärten richten ihre pädagogische Arbeit nach dem situationsorientierten Ansatz aus.

Montessori-Pädagogik

Ursprung und Grundsatz: Die Montessori-Pädagogik wurde ab 1907 von der italienischen Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori als Bildungskonzept vom Kleinkind bis zum jungen Erwachsenenalter entwickelt. Die Grundannahme ist das Verständnis vom Kind als „Baumeister seiner Selbst“. Kinder sollen ihren Bedürfnissen entsprechend lernen können, damit ihre natürliche Neugier und Lernfreude erhalten und gefördert wird. Freies, selbstbestimmtes Lernen und Spielen steht im Fokus der pädagogischen Arbeit.

In der Praxis: Die erzieherische Arbeit besteht im Grundsatz darin, das Kind in der Selbsterziehung zu unterstützen: „Hilf mir, es selbst zu tun“, lautet dabei der Leitsatz von Montessori. Erzieher haben im Kindergartenalltag daher vor allem die Aufgabe, die optimalen Bedingungen zu schaffen, damit sich Kinder spielerisch selbst entdecken können. Dazu gehören liebevolle Zuwendung, ein verlässlich strukturierter Tagesablauf sowie Anregungen durch Alltagshandlungen, die das Kind zum Nachahmen motivieren sollen.

Verbreitung: In Deutschland wurde das erste Montessori-Kinderhaus schon 1919 gegründet. Heute gibt es knapp 600 Kindertageseinrichtungen und rund 400 schulische Einrichtungen, die nach dem Montessori-Konzept arbeiten. Erzieher und Lehrer, die in diesen Einrichtungen arbeiten, benötigen eine spezielle Montessori-Ausbildung.

Waldorfpädagogik

Ursprung und Grundsatz: Die Waldorfpädagogik ist ein reformpädagogisches Konzept, das der Publizist und Esoteriker Rudolf Steiner in den 1920er-Jahren ursprünglich als Schulkonzept für die Betriebsschule der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik entwickelte. Im Mittelpunkt der von Steiner entwickelten Anthropologie steht die Individualität jedes Menschen. Als Grundvoraussetzungen für das Lernen gelten ein stabiles Umfeld, freies Spielen und Gestalten und insbesondere die offene, dynamische Begegnung zwischen Erzieher und Kind. Kreatives handwerkliches Arbeiten steht dabei im Vordergrund, wodurch die Kinder möglichst selbstbestimmt ihre sozialen und praktischen Kompetenzen entwickeln sollen.

In der Praxis: In der Kindergartenarbeit steht das freie kindliche Spiel im Vordergrund. Die Aufgabe der Erzieher ist es dabei, die Umgebung so zu gestalten, dass sich Kinder frei entfalten können und vielfältige Anregungen bekommen, sich auszuprobieren. Dazu zählen zum Beispiel eine feste Zeitstruktur und eine klare, räumliche Ordnung, die es den Kindern erleichtert, sich zurechtzufinden. Jeder Erzieher ist angehalten, ein Kind in seiner Entwicklung und seiner Persönlichkeit genau zu beobachten, um die Entwicklungsunterstützung individuell daran anzupassen. Das bedeutet, dass die Erzieher auch sich selbst und ihre Beziehung zu jedem Kind immer wieder neu betrachten und bewerten müssen.

Verbreitung: In Deutschland gibt es rund 500 Waldorfkindergärten, weltweit sind es etwa dreimal so viele. Aber auch Spielgruppen, Kindertagesstätten und sonderpädagogische Einrichtungen setzen das Konzept um. Durch den reformpädagogischen Charakter entstehen Waldorf-Einrichtungen in der Regel nur dort, wo Eltern oder Pädagogen ein solches Konzept ausdrücklich wünschen und unterstützen.

Übergeordnete pädagogische Konzepte

Neben den „geschlossenen“ pädagogischen Konzepte, die auf die Annahmen und Erkenntnisse bestimmter Urheber zurückgehen, gibt es auch übergeordnete pädagogische Ansätze, die in den unterschiedlichsten pädagogischen Konzepten umgesetzt werden.

Integrative Pädagogik: In der Praxis ist damit meist die gemeinsame Erziehung von Kindern mit und ohne Behinderung gemeint. Nach der grundsätzlichen Definition ist die integrative Pädagogik das grundsätzliche Einbeziehen besonderer Verhaltens- und Denkweisen in das Erziehungssystem. In Schulen und Kindergärten wird dies inzwischen eher als Inklusion bezeichnet. Die Inklusion behinderter Kinder ist ein festes Element in vielen pädagogischen Konzepten. Häufig gibt es hierbei zusätzliche Erzieher, Ergotherapeuten oder Physiotherapeuten, die die gesamte Gruppe gemeinsam betreuen.

Interkulturelle Pädagogik: Das gemeinsame Leben und Lernen von Menschen unterschiedlicher Herkunft ist in vielen Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen selbstverständliche Realität, aber nicht immer wird diese Tatsache pädagogisch berücksichtigt bzw. genutzt. Die Grundannahme der interkulturellen Pädagogik ist die Kulturkontaktthese, die besagt, dass es immer einen Lernprozess auslöst, wenn Menschen unterschiedlicher Kulturen zusammenleben. Im Fokus der pädagogischen Arbeit stehen der Umgang mit Fremdheit und die aktive Auseinandersetzung mit Differenzen.