Kleinkinderziehung:

Was können wir von Emmi Pikler lernen?

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„Lasst mir Zeit“ – in einer Zeit, in der Eltern von der Baby-Massage über PEKiP-Kurse bis hin zum Baby-Yoga alle Angebote nutzen, um ihre Kinder optimal in ihrer Entwicklung zu fördern, scheint dieser Satz aktueller denn je. Und doch stammt er aus einer Zeit, als Themen der Kleinkindpädagogik noch kaum existent waren. Die Kinderärztin und renommierte Pädagogin Emmi Pikler erkannte in den 1930er- und 1940er-Jahren als eine der ersten, welche Rolle die Erziehung im Säuglings- und Kleinkindalter für die gesunde Kindesentwicklung hat.

Viele Aspekte der Lehre von Emmi Pikler sind heute wieder modern und durch wissenschaftliche Studien belegt, zum Beispiel die Bedeutung des freien Spiels und der Kommunikation mit dem Baby. Andere wiederum werden durchaus kritisch gesehen, wie die Ansicht Piklers, dass Babys nicht ständig nah am Körper getragen werden sollten, da eine waagerechte Körperhaltung, z. B. auf einer Decke, eher ihrer körperlichen Entwicklung entspreche. Wir haben den Pikler-Ansatz für Sie zusammengefasst und einige Tipps für die Kleinkinderziehung daraus abgeleitet.

Wer ist Emmi Pikler?

Der Name Emmi Pikler ist nur wenigen geläufig. Und doch hat die ungarische Kinderärztin und Buchautorin mit ihrem Konzept der Kleinkinderziehung zu ihrer Zeit völlig neue Wege beschritten. Emmi Pikler wurde 1902 in Wien geboren und hatte schon früh den Wunsch, Kinderärztin zu werden. Die Erfahrungen mit ihrer ersten Tochter bestärkten sie in ihrer Überzeugung, dass Kinder nicht unbedingt angeregt werden müssen, sondern Bewegungsfreiheit und Geduld für eine gesunde Entwicklung benötigen.

Nachdem sie den Krieg und die Judenverfolgung durch Unterstützung der Familien ihrer Patienten überlebt hatte, gründete Emmi Pikler 1946 in Budapest das Lóczy-Institut, das sich zu einem international anerkannten Säuglings- und Kleinkindheim entwickelte. Sie veröffentlichte mehrere Bücher und zahlreiche Fachartikel zu ihrem pädagogischen Ansatz, darunter „Miteinander vertraut werden“ und „Lasst mir Zeit“. Emmi Pikler leitete das Lóczy-Institut bis einige Jahre vor ihrem Tod im Jahr 1984.

Erziehen auf Augenhöhe - Der pädagogische Ansatz von Emmi Pikler

Emmi Pikler sah in der Säuglings- und Kleinkinderziehung die entscheidende Grundlage für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung. Was in der heutigen Pädagogik als selbstverständlich gilt, war zu ihrer Zeit ein völlig neuer Ansatz. Emmi Pikler stützte ihr Konzept im Wesentlichen auf drei Elemente:

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Das freie Spiel: Nach Pikler sind schon Säuglinge in der Lage, sich zu beschäftigen und im Rahmen ihrer Fähigkeiten „schöpferisch“ tätig zu sein. Das freie Spiel hat daher von Anfang an eine grundlegende Bedeutung für die Zufriedenheit und das Selbstbewusstsein von Babys und Kleinkindern. Vonseiten der Eltern fordert dies, dass sie ihren Kindern ausreichend Zeit und Ruhe geben, um sich selbst zu beschäftigen und ihnen ggf. sichere Materialien zum Spielen und Entdecken geben. Das muss übrigens nicht immer wieder neues Spielzeug sein – viele Kinder greifen am liebsten auf bekannte und bewährte Dinge zurück, um diese in der Tiefe zu erkunden.

Die eigenständige Bewegungsentwicklung: Emmi Pikler ging davon aus, dass jedes Kind einen angeborenen Bewegungsdrang sowie die Fähigkeit besitzt, seine Motorik selbstständig zu entwickeln. Um diese Entwicklung zu ermöglichen, brauchen Babys und Kleinkinder den nötigen Raum und die Zeit, um das eigene Können auszuprobieren. Die Eltern sollten an diesen „Entdeckungszügen“ Anteil nehmen, ohne sie anzuleiten. So kann das Kind selbstständig seine Fähigkeiten und Grenzen testen.

Die beziehungsvolle Pflege: Der achtsame, liebevolle Umgang mit dem Baby ist eine Grundvoraussetzung in der Erziehung. Nach Emmi Piklers Lehre bedeutet das aber nicht nur, dass ein Kind gut versorgt wird, sondern vor allem, dass es von Anfang an aktiv an Pflegehandlungen wie Wickeln, Anziehen und Füttern beteiligt wird. Indem die Eltern mit ihrem Kind kommunizieren, z. B: „Und jetzt ziehen wir den Body an“, vermitteln sie ihrem Kind Sicherheit und ein Gefühl für die Alltagsabläufe, sodass es sich nach und nach selbständig einbringen und seine Fähigkeiten entwickeln kann.

Tipps für die Kleinkinderziehung – Grundlagen nach Emmi Pikler