Welche Bedeutung hat die Muttersprache für den Spracherwerb?

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Einige von uns erinnern sich vielleicht an das Vokabeln lernen in der Schulzeit, an die verschiedenen Fälle und unregelmäßigen Verben im Englischen und Französischen, und an das Gefühl, die Feinheiten der Fremdsprache niemals vollkommen begreifen zu können. In der eigenen Muttersprache dagegen stellen wir uns die Frage nach Grammatik oder korrekten Verbformen erst gar nicht. Was wir im Kleinkindalter gelernt haben, ist automatisch parat, ohne, dass wir die Strukturen dahinter erfassen. So geht es allen Kindern mit ihrer Muttersprache, ganz gleich wie komplex sie ist. Aber welche Rolle spielt die Muttersprache für den Spracherwerb überhaupt – und gibt es Unterschiede beim Sprechen lernen in den verschiedenen Sprachen?

Was ist Muttersprache?

Laut Definition ist die Muttersprache die Sprache, die ein Kind in frühester Kindheit ohne formalen Unterricht erlernt. Sprachwissenschaftler bewerten die Bezeichnung Muttersprache als unpräzise, weil es weniger um die Person der Mutter als um die sprachlichen und kulturellen Wurzeln eines Sprechers geht. Daher wird unter Experten häufig der Begriff „Erstsprache“ bzw. der englische Begriff „native language“ genutzt. Entscheidend bei der Muttersprache ist der frühe und ständige Kontakt mit der Sprache, durch den sich die Laute und die grammatikalische Struktur so tief einprägen, dass das Kind die Sprache automatisiert beherrscht.

Muttersprache vs. Erstsprache: Die Begriffe Muttersprache und Erstsprache sind synonym – obgleich die erste Sprache, die ein Kind lernt, nicht zwingend die Sprache sein muss, die seine Mutter spricht. Der Begriff Muttersprache betont den Aspekt, dass der Spracherwerb von Kindern bereits im Mutterleib beginnt, während die Bezeichnung Erstsprache präziser ist – es ist die Sprache, die ein Kind zuerst und intuitiv lernt. Zweisprachig erzogene Kinder lernen dementsprechend zwei Erstsprachen, vorausgesetzt, dass sie beide Sprachen im Alltag sprechen und beide auf ähnlichem Niveau beherrschen.

So läuft der Spracherwerb von Babys ab

  • Laute erkennen und selektieren: Schon neugeborene Babys können eine große Zahl verschiedener Phoneme (für eine Sprache charakteristische Laute) wahrnehmen. Unmittelbar nach der Geburt beginnt ein Baby die Charakteristika seiner Muttersprache wahrzunehmen, indem es seine Eltern in den verschiedenen Alltagssituationen sprechen hört. Dabei filtert es die häufigsten Lautstrukturen heraus und lernt bestimmte Sprachrhythmen zu erkennen.
  • „Lautinventar“ und Sprachmodulation: Mit 6-9 Monaten kennen Babys alle charakteristischen Laute ihrer Muttersprache. Auch eine wechselnde Tonhöhe bzw. den Sprachrhythmus können sie erkennen, zum Beispiel wenn die Eltern es liebkosen, ärgerlich sprechen oder spielen. Das Baby kennt zwar noch nicht den Zusammenhang zwischen Wörtern und den dazugehörigen Gegenständen, beginnt aber bestimmte Laute und Wortteile nachzuahmen.
  • Erste Worte: Etwa mit einem Jahr beginnt ein Kind den Zusammenhang zwischen Wörtern und Gegenständen bzw. Zuständen zu begreifen. Die ersten Worte werden häufig übergreifend für mehrere Dinge benutzt (z.B. „Ball“ für alles, was rund ist).
  • Objekt, Verb, Subjekt. Sobald ein Kind sich selbst als Person und die Umwelt als gegenständlich begreift – etwa in der zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahres – beginnt es, die Wörter korrekt zuzuordnen und Verben zu benutzen, teilweise schon in Zweiwort-Sätzen. Häufig sprechen Kinder in diesem Alter von sich selbst mit dem Eigennamen, um Sachverhalte darzustellen: „Lisa Hunger“ oder „Max Aua“.
  • Sprechen und Verstehen: Mit drei bis vier Jahren kennt ein Kind alle elementaren Strukturen seiner Muttersprache was Grammatik, Phonetik und Sprachrhythmus angeht. Es artikuliert auch lange Wörter und verwendet Sätze mit Subjekt, Prädikat und Objekt.

Theorien zum kindlichen Spracherwerb – spielt die Muttersprache eine Rolle?

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Chomskys Theorie von der Universalgrammatik: Eine bekannte Theorie des Linguisten Noam Chomsky besagt, dass alle Sprachen, die weltweit gesprochen werden, gemeinsame grammatikalische Prinzipien haben und dass jeder Mensch diese Prinzipien von Geburt an verinnerlicht hat. Dank dieser angeborenen „Universalgrammatik“ müssen Kinder beim Spracherwerb nicht mehr alle grammatischen Regeln erlernen, sondern nur die spezifischen Ausprägungen ihrer Muttersprache.

Kulturtheorien als Grundlage für den Spracherwerb: Neuere Forschungen zum Spracherwerb widersprechen der Annahme von angeborenen grammatischen Strukturen wie bei Chomsky. Als Beweis dafür dient die Erkenntnis, dass der Teil des Großhirns, der für den Spracherwerb zuständig ist, in der frühen Kindheit enorm entwicklungsfähig ist. Da Kinder in den ersten Jahren meist sehr viel und sehr spezifischen sprachlichen Input aus ihrer Umgebung bekommen, entwickeln sie ein intuitives Verständnis der grammatischen Strukturen und Lautformen ihrer Muttersprache.

Elterliche Unterstützung beim Sprechen lernen: Der US-Psychologe Jerome Bruner entwickelte in den 1980er-Jahren die These, dass die sprachliche Umgebung und die elterliche Interaktion eine entscheidende Rolle für den Spracherwerb von Kindern spielt. Aufbauend auf Chomskys Theorie der Universalgrammatik entwickelte Bruner die These eines elterlichen Spracherwerb-Unterstützungssystems (Language Acquisition Support System, LASS).