Jenaplan Schule – was steckt hinter dem Schulkonzept?

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Waldorf- und Montessori Schulen sind fast jedem ein Begriff – aber was ist die Jenaplan Pädagogik? Obgleich die Entstehung des reformpädagogischen Konzepts etwa in die gleiche Zeit fällt wie das Waldorfkonzept, ist es in Deutschland nicht sehr verbreitet. Im Mittelpunkt der Jenaplan Schulen, auch Peter-Petersen-Schulen genannt, stehen selbsttätiges, eigenverantwortliches Arbeiten und Lernen, weg von hierarchischen Klassenverbänden mit starren Unterrichtsstrukturen und hin zu einer positiven Lernentwicklung in einer starken Gemeinschaft. Wie dieser Ansatz im Schulalltag umgesetzt wird und was die Jenaplan Schule sonst noch ausmacht, können Sie hier erfahren.

Woher stammt das Jenaplan Konzept?

Der Begründer des Jenaplan Konzepts ist der Pädagoge Peter Petersen. Der Professor für Erziehungswissenschaften an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena war zugleich Leiter der Universitätsschule. An dieser Schule entwickelte Petersen sein reformpädagogisches Konzept, das er 1927 dem Londoner Komitee zur Vorbereitung der New Education Fellowship-Tagung vorstellte. Mit Blick auf den Arbeitsort Petersens und dem konzeptuellen Charakter (engl. plan) prägte das Komitee den Begriff Jenaplan. Heute werden Jenaplan Schulen vielerorts nach ihrem Gründer auch Peter-Petersen-Schulen genannt.

20 Basisprinzipien als Grundlage: Das Jenaplan Konzept fand vor allem in den Niederlanden großen Anklang. In den 1980er-Jahren entwickelten Lehrer im Rahmen des Utrechter Seminars für Jenaplan Pädagogik auf der Grundlage ihrer Lehrerfahrung 20 Basisprinzipien, die allgemein als Richtlinie für die pädagogische Arbeit nach dem Jenaplan Konzept anerkannt wurden.

„Ausgangsform für ein neues Schulleben“: Mit diesen Worten präsentierte Petersen sein Schulkonzept bei der Veröffentlichung 1927. Im Fokus steht das Bestreben, sich von konventionellen Jahrgangsklassen und Fachstunden wegzubewegen und die selbsttägige, engagierte Gruppenarbeit innerhalb einer Schulgemeinschaft zu fördern.

Was unterscheidet Jenaplan Schulen von konventionellen Schulen?

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Im Zentrum der Jenaplan Pädagogik steht die Auffassung von Schule als Lebensraum der Kinder. Statt einer neutralen, starr strukturierten Lehranstalt soll mit der Jenaplan Schule ein Ort geschaffen werden, an dem sich die Kinder individuell entwickeln und Spaß am Lernen haben. Daher gibt es einige grundsätzliche Unterschiede zum Schulalltag an Regelschulen:

  • Stammgruppen statt Jahrgangsklassen: An Jenaplan Schulen gibt es keine Einteilung in Klassen gleichaltriger Kinder, sondern jahrgangsübergreifende Lerngruppen. So soll auch die Hilfsbereitschaft der Kinder untereinander gefördert werden.
  • Wochenarbeitsplan statt Unterrichtsstunden: Der Schulunterricht an der Jenaplan Schule ist nicht in 45-Minuten-Abschnitte gegliedert, sondern folgt einem Wochenarbeitsplan, innerhalb dessen die Schüler eigenständig lernen können. Das erforderliche Mindestwissen wird im Rahmen der Wochenarbeit in kompakten Kursen vermittelt.
  • Selbst gestaltete „Schulwohnstube“ statt kahler Klassenraum: Die Schule soll als Lebensraum empfunden und von den Schülern auch so gestaltet werden. Die Klassenzimmer sollen Anreize zum Lernen bieten.
  • Lernentwicklungsberichte statt Schulnoten: In der Jenaplan Schule werden keine Noten vergeben, auch ein Sitzenbleiben ist nicht möglich. Stattdessen wird die individuelle Lernentwicklung dokumentiert und unter den Mitgliedern einer Stammgruppe gegenseitig bewertet.
  • Täglicher Gruppenunterricht: 100 Minuten am Tag wird die gesamte Lerngruppe gemeinsam unterrichtet.
  • Fachübergreifende Projektarbeiten: Der Projektunterricht bezieht verschiedene Wissensbereiche mit ein und fördert das selbständige Erarbeiten von Inhalten.
  • Monatsfeiern zur Gemeinschaftsbildung: Monatliche Feiern, wahlweise Schülerfeiern, Elternfeiern und Lehrerfeiern, geben dem Schulalltag einen Rhythmus und fördern die Schulgemeinschaft. Oft werden auf diesen Feiern die Projektarbeiten präsentiert.

Vereinzelte Elemente der Jenaplan Pädagogik finden sich heute auch in konventionellen Schulkonzepten. Vor allem Grundschulen setzen zunehmend auf Lernentwicklungsberichte statt Schulnoten von der ersten Klasse an, oder übernehmen das Konzept der jahrgangsübergreifenden Lerngruppen.

Ein Schulkonzept, das die gesamte Familie einbezieht

Jenaplan ist ein Schulkonzept, das auf Gemeinschaftlichkeit und gemeinsamer Verantwortung aufbaut. In der Praxis heißt das, dass auch die Eltern sich regelmäßig aktiv am Schulalltag beteiligen und Schulfeiern mitgestalten. Typischerweise leiten Eltern Gruppenaktivitäten wie Lesegruppen oder Bewegungs- und Gestaltungsangebote. Wie viele andere reformpädagogische Konzepte eignet sich auch eine Jenaplan Schule also nur für Familien, die bereit sind, viel Zeit zu investieren und auch während der Unterrichtszeit zur Unterrichtsgestaltung beizutragen. In einigen Jenaplan Schulen ist es gängige Praxis, dass die Eltern als Beobachter mit im Unterricht sitzen und Feedback zur Unterrichtsgestaltung geben. Das Engagement der Eltern ist einerseits auf das pädagogische Konzept zurückzuführen, andererseits auf die Schulform: Ein großer Teil der Jenaplan Schulen ist in privater Trägerschaft und setzt daher auch auf ehrenamtliche Mitarbeit durch Eltern und Freiwillige.

Kritik am Jenaplan Konzept

Kritik an Jenaplan wird weniger am eigentlichen Schulkonzept geäußert als an seinem Urheber: Einige Historiker sehen in Petersens Ansätzen starke Parallelen zur nationalsozialistischen Grundhaltung und insbesondere zu den Auffassungen von Bildung und Erziehung. Fakt ist allerdings, dass während des nationalsozialistischen Regimes die bereits bestehenden Jenaplan Schulen geschlossen wurden, weil das Konzept des selbstbestimmten, vordergründig unstrukturierten Lernens und das Verständnis der Schule als Lebensraum nicht zur NS-Ideologie passten. Erst in den 1960er-Jahren lebte die Jenaplan Pädagogik wieder auf, zunächst in den Niederlanden, später auch in Deutschland und ganz Europa.