Freiheit über alles: Sudbury Schulen

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Fragt man Schüler, würden sie ihre Traumschule vielleicht so beschreiben: Sie entscheiden selbst, wann sie sich morgens auf den Weg in die Schule machen, ohne Druck, pünktlich zum Unterrichtsbeginn erscheinen zu müssen. In der Schule angekommen, steht es ihnen frei, erst einmal etwas zu lesen, sich mit Mitschülern zu unterhalten oder einen Kurs in Musik oder freiem Gestalten zu besuchen. Schulregeln, Kursangebote und der Schulalltag werden von Lehrern und Schülern demokratisch abgestimmt: Die Stimme des Erstklässlers zählt dabei genauso viel wie die des Schulleiters. Was klingt wie eine Utopie, ist in Sudbury Schulen Alltag: Hier haben Demokratie und Entscheidungsfreiheit höchste Priorität. Wir erklären Ihnen, woher das Sudbury-Modell kommt und wie es in der Praxis funktioniert.

Die Sudbury Valley School: Ursprung des Sudbury-Modells

Streng genommen ist „Sudbury“ kein pädagogisches Konzept. Die rund 45 demokratischen Schulen nach dem Vorbild der ursprünglichen Sudbury Schule nennen sich zwar häufig Sudbury Schulen, es gibt aber keine Richtlinien und keine Organisation, der man folgen muss, um als Sudbury Schule anerkannt zu werden.

Die erste Sudbury Schule: Das demokratische Schulmodell entstand mit der Gründung der Sudbury Valley School in Massachusetts, USA, die 1968 unter anderem von Daniel Greenberg und Mimsy Sadofsky in den USA gegründet wurde. Ziel der Gründer war es, ein Schulmodell zu etablieren, dass nicht von Zwängen, Leistungsdruck und Anpassung geprägt ist, sondern das den Schülern alle Freiheiten lässt, sich individuell zu entwickeln.

Vorbild Summerhill: Die Sudbury Schule war nicht die erste demokratische Schule. Schon Anfang der 1920er Jahre gründete der

Pädagoge A. S. Neill in Großbritannien die weltberühmte Summerhill Schule, die bis heute zu den bekanntesten demokratischen Schulen zählt.

Langsame Verbreitung: Als die Sudbury-Gründer die Sudbury Valley School starteten, waren sie überzeugt, dass sehr schnell viele weitere demokratische Schulen öffnen würden. Aber es dauerte fast drei Jahrzehnte, bis weitere Schulen nach dem Sudbury-Modell entstanden. Mittlerweile gibt es auf der ganzen Welt rund 45 solcher Schulen, in Deutschland zum Beispiel in Berlin, Hamburg, Dresden, Düsseldorf, Nürnberg und München.

Freies Lernen nach dem Sudbury-Schulmodell

Das Entstehungsjahr der Sudbury Valley School scheint programmatisch für ihre pädagogische Ausrichtung: 1968 gilt als DAS Jahr der gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüche und wurde sogar namengebend für eine gesamte Generation. Kein Wunder, dass Sudbury Schulen ein revolutionäres Modell verfolgen: Im Schulalltag sollen die Kinder vollkommen frei von Zwängen, individuell und selbstbestimmt lernen können. In der Praxis sieht das so aus:

Keine festen Zeiten: Je nach Schule müssen die Kinder eine bestimmte Stundenanzahl pro Tag in der Schule verbringen. Wann sie kommen und wann sie gehen, bleibt größtenteils ihnen überlassen.

Keine Jahrgangsklassen: An Sudbury Schulen lernen die Kinder nicht im Klassenverband und werden nicht nach Alter georgnet. Kinder zwischen 5 und 19 Jahren mischen sich im Schulalltag. Das Ziel ist, dass sie auf diese Weise miteinander und voneinander lernen.

Kein Lehrplan: Es gibt keine verpflichtenden Unterrichtsinhalte. Die Schüler entscheiden, was sie wann lernen möchten und mit wem. Es ist ihnen überlassen, ob sie spielen, gemeinsam mit anderen lernen oder einen der Unterrichtskurse besuchen.

Demokratisch abgestimmte Schulregeln: Schüler und Lehrer einigen sich gleichberechtigt über die Schulregeln, die in einer Art Schulgesetzbuch festgehalten werden. Werstößt ein Schüler gegen die Schulregeln, wird dies von einem demokratisch gewählten Justizkomitee geregelt, das nach den rechtsstaatlichen Grundsätzen organisiert ist.

Das Erfolgsgeheimnis der Sudbury Schulen liegt nach Gründer Daniel Greenberg in der Altersmischung der Schüler: Auf diese Weise lernen die Schüler nicht nur, sie lehren zugleich auch die Jüngeren. Auf diese Weise vertiefen sie ihr eigenes Wissen, stärken ihr Selbstbewusstsein und eignen sich wichtige soziale Kompetenzen an.

Lernen ohne Regeln – kann das funktionieren?

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Wie beim Vorbild Summerhill und vielen anderen reformpädagogischen Schulkonzepten gibt es auch an der Sudbury Schule teils heftige Kritik. Viele Eltern und Pädagogen befürchten, dass Kinder ohne Regeln und Verpflichtungen keine Motivation zum Lernen aufbauen bzw. dass sie mit der Entscheidungsfreiheit schlicht überfordert sind. Ein anderer Kritikpunkt ist die mangelnde Vergleichbarkeit der Lernleistung mit der an konventionellen Schulen: Da an Sudbury Schulen ohne Lehrplan, Unterrichtsstruktur und Klassenarbeiten gelernt wird, kann der Lernfortschritt nur schwer objektiv bewertet werden.

Nach Auffassung der Sudbury Schule ist ein staatlich abgesegneter Lehrplan eher hinderlich, da nicht der Schulerfolg allein darüber entscheidet, ob ein Schüler als Erwachsener erfolgreich ist. Die Schule hat allerdings Studien über ihre Absolventen durchgeführt, denen zufolge rund 80 % der Absolventen nach dem Abschluss auf der Sudbury Schule ein College oder eine Universität besuchten. Sehr wahrscheinlich ist – und das gilt für die meisten Reformschulen – dass das Sudbury-Modell nicht für jedes Kind funktioniert. Aber für die, die an Regelschulen Probleme haben, ist es möglicherweise der Weg in ein zufriedeneres Erwachsenenleben.