Seelenheil und Selbstfürsorge im neuen Alltag mit Corona

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Der Corona-bedingte Lockdown traf einige deutlich heftiger als andere und doch bedeutete er für uns alle einen Einschnitt in die Welt, wie wir sie kannten. Während manche Familien die intensive gemeinsame Zeit zuhause als bereichernde Erfahrung erlebten, bedeutete sie für andere einen organisatorischen und emotionalen Ausnahmezustand, der nur schwer zu bewältigen war und teilweise immer noch ist.

Was Corona für uns alle mit sich bringt, ist ein neuer Alltag, der sich zwar wieder normaler anfühlt, jedoch weiterhin mit Ungewissheit und Anspannung verbunden ist. Die schwer vorhersehbare Entwicklung in Zusammenhang mit Covid-19 nimmt uns die Sicherheit, langfristig zu planen und erfordert von uns allen vor allem eines: Flexibilität. Unsere liebgewonnene Routine ist angesichts wechselnder Vorgaben, Regeln und Einschränkungen schwer wiederherzustellen. Stattdessen sind wir gefordert, uns immer wieder anzupassen, flexibel zu reagieren und neu zu organisieren.

Wie gelingt es uns nun, als Familien positiv durch den neuen Alltag mit Corona zu gehen, dabei gut auf die Seele unserer Kinder und auch auf uns selbst zu achten?

Selbstfürsorge:
Was uns als Eltern hilft

Im Grunde wissen wir, dass wir als Eltern vor allem dann für unsere Familie stark sein können, wenn wir gut auf uns selbst achten. Trotzdem empfinden wir es häufig als nicht wichtig genug oder sogar egoistisch, uns selbst Zeit und Fürsorge zu widmen. Gerade das ist es jedoch, was uns Energie tanken lässt, uns Kraft und Zuversicht gibt, um positiv voranzugehen und die Herausforderungen des Alltags zu meistern. Geht es uns als Eltern gut, geht es auch unseren Kindern gut. Aber wie kann es nun gelingen, im Trubel des Alltags auch noch Zeit für sich zu finden?

Recht auf Pausen einräumen
Nicht nur Kinder brauchen Pause und Zeiten, in denen sie zur Ruhe kommen können. Auch für Eltern ist Abgrenzung wichtig. Nur, wenn wir einen klaren Kopf behalten, können wir auch gut für unsere Kinder sorgen. Dafür ist es notwendig, auch mal Stopp zu sagen, fixe Zeiten und Orte für Pausen festzulegen, die dann auch für alle gelten.

Gegenseitig entlasten
Gerade jetzt ist es für Eltern extrem wichtig, sich gut abzustimmen, Aufgaben klar aufzuteilen und einander als Partner zu entlasten. Speziell für Alleinerziehende ist das nicht immer umsetzbar und die aktuelle Situation dementsprechend schwieriger zu bewältigen. Umso wichtiger sind unsere sozialen Netze außerhalb der Familie: Freunde, Verwandte, Babysitter, die anderen Müttern und Vätern helfen können, zu ihren dringend notwendigen Pausen zu kommen. Welchen Menschen können vielleicht auch wir jetzt helfend zur Seite stehen?

Auf das Positive fokussieren
Die Krise trifft manche heftiger als andere und doch betrifft sie uns alle. Unsere negativen Gefühle, Ängste und Sorgen sind berechtigt und dürfen ausgesprochen werden. Was uns dann dabei hilft, mit positivem Geist voranzugehen, ist der Blick auf die schönen Dinge. Was können wir aus der aktuellen Situation mitnehmen, welche Chancen bieten sich uns und was ist ganz einfach heute oder gestern Schönes passiert, an das wir gerne denken? Unsere Gedanken bestimmen ganz wesentlich unsere Stimmung. Denken wir auch bewusst an das, was uns positiv stimmt.

Gesunde Kinderseelen:
Was unseren Kindern hilft

Als Eltern haben wir bei allem, was wir tun, ein großes Ziel: dass es unserer Familie gut geht. Und obwohl wir unsere Kinder kennen wie kein anderer, gibt es Situationen, in denen wir selbst nicht sicher sind, was sie gerade am meisten brauchen. Ein Ausnahmezustand wie Corona stellt uns alle vor neue Herausforderungen, die auch Unsicherheiten mit sich bringen. Und wir stellen uns immer wieder die Frage, wie unsere Kinder all das erleben und in Erinnerung behalten werden. Was können wir nun konkret tun, um gut für unsere Kinder da zu sein und sie bestmöglich durch diesen neuen Alltag zu begleiten?

Struktur schaffen
Gerade in Zeiten großer Ungewissheit ist Struktur innerhalb des eigenen Familienalltags besonders wohltuend. Tages- und Wochenpläne bringen Stabilität in die neue Realität und können schon mit den Kleinsten gut besprochen oder auch in Bildern festgehalten werden. Ein gemeinsamer Plan, an den sich alle halten können, bringt Ruhe und gibt auch unseren Kindern die Sicherheit, zu wissen, was als nächstes kommt.

Freie Spielezeit einplanen
Es braucht feste Zeiten für Arbeit und Hausaugaben, und genauso für freies Spielen. Denn ebenso wichtig wie Entspannungszeit für Erwachsene, ist Spielezeit für Kinder. Beim freien Spielen ohne Vorgaben und Aufgaben können sich schon die Kleinsten besonders gut entspannen, Erlebtes verarbeiten und Ruhe und Energie für die nächsten Tagesordnungspunkte sammeln.

Reden, reden, reden
Offene Gespräche tun nicht nur Erwachsenen gut, sie helfen auch Kindern, ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse zu reflektieren und ihre Umgebung besser zu verstehen. Zeit für echte Gespräche ist deshalb im Familienplan ebenso wertvoll wie gemeinsames Essen, Spielen und Kuscheln. Wir kennen das schließlich alle selbst: aufmerksames Zuhören und Hingucken ist oft die allerbeste Unterstützung.

Nachgefragt bei Christine Brockard:

Wie können wir den neuen Alltag so stressfrei wie möglich für unsere Kinder gestalten?

Den Druck rausnehmen! Vor allem kleine Kinder reagieren sehr sensibel auf Stress und Druck. Wir können nicht einfach zu unserer alten Normalität zurückkehren und weitermachen wie bisher, der Alltag funktioniert nicht so wie vor Corona. Wir müssen jetzt das Tempo runterfahren und uns Zeit lassen. Unsere Kinder haben jetzt viel zu bewältigen, sie müssen immer wieder neue Regeln lernen, teilweise wieder in ihre Gruppen und Klassen finden, sie müssen wieder Spielen lernen, sich an das Leben in großen Gruppen gewöhnen. Als Eltern brauchen wir da jetzt viel Geduld und Nachsicht, Gelassenheit und Verständnis, auch für die Wut und Verwirrung unserer Kinder. Denn es ist viel, was sie jetzt leisten und verinnerlichen müssen.

Was können wir jetzt für uns als Eltern tun, um gut durch den neuen Alltag zu kommen?
Selbstfürsorge und die innere Arbeit mit sich selbst sind extrem wichtig. Ich muss einen klaren Kopf bewahren, mich auch einmal abgrenzen können, auch einmal Stopp sagen können und Zeit für mich haben. Es ist wichtig, dass Eltern trotz der vielen Aufgaben und Organisation auch mal Freiräume für sich schaffen. Zum Beispiel indem sie Auszeit-Räume bestimmen, in die sie sich zurückziehen können, fixe Zeiten festlegen, in denen sie nicht gestört werden. Nur, wenn wir uns das zugestehen, sind wir als Eltern wieder stark genug, um für unsere Familie da zu sein.

Was raten Sie Eltern, die sich mit der Situation auch mal überfordert fühlen?
Die Überforderung annehmen! Es ist okay, Sorge zu haben, Angst zu haben, Wut zu haben, nicht zu wissen, wie es weitergeht, wie man das alles stemmen soll. Ich brauche ein gewisses Selbstmitgefühl, um diese Aufgaben als positive Herausforderungen anzunehmen. Das heißt, ich muss akzeptieren, dass es auch mal schwer ist, ich muss mir Zeit nehmen, um mich um mich zu kümmern, damit ich umso stärker für meine Kinder sein kann. Es ist gerade jetzt so wichtig und wir hören das so oft, aber wir leben es viel zu selten: Wenn es uns als Eltern gut geht, geht es auch unseren Kindern gut.

Christine Brockard ist Entwicklungsberaterin für Eltern mit Babys und Kleinkindern. In ihrer Bamberger Praxis unterstützt sie Familien dabei, einen entspannten Zugang zu den Herausforderungen des Alltags zu gewinnen und ein harmonisches Zusammenleben zu gestalten.