Neuer Alltag zwischen Homeoffice und Homeschooling

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Schon in unserem gewohnten Alltag erschien es uns als Eltern manchmal unmöglich, all die Aufgaben und Programmpunkte eines Tages unter einen Hut zu bekommen. Neben Bring- und Abholzeiten im Kindergarten, Fußballtraining, Hausaufgaben, Wäsche waschen, Einkaufen, Spielen, Vorlesen, Erziehen und Liebhaben sind da ja noch: unser Beruf, unsere Partnerschaft, unsere Freunde und persönliche Interessen. „Alles geht nun einmal nicht“, stellen wir immer wieder fest.

Wie viel tatsächlich geht, haben viele Eltern seit März 2020 sehr eindringlich erlebt. Mit dem Corona-bedingten Lockdown wurde unser Alltag und unser Zusammenleben auf eine Weise verändert, die bis dahin niemand von uns gekannt oder auch nur für möglich gehalten hatte. Schulen und Büros blieben zu, Geschäfte, Parks und Spielplätze ebenso. Und plötzlich waren wir alle zuhause – mit unserer Arbeit, unseren Hausaufgaben, unserem Spiel- und Bewegungsdrang, unserer Sehnsucht nach Freunden und Verwandten, unserer Unsicherheit, wie das alles weitergeht. So wurde aus dem Gefühl, täglich mehrere Vollzeitbeschäftigungen unter einen Hut bringen zu müssen, gelebte Realität: Homeoffice, Homeschooling, Homekindergarten und ein Alltag, der völlig neu gedacht werden muss.

Ein Stück dieses neuen Alltags bleibt und bedeutet derzeit auch weiterhin eingeschränkte Kinderbetreuung und wechselnden Unterricht an Schulen. Gleichzeitig nimmt das Arbeitseben wieder so richtig Fahrt auf. Wie soll das jetzt alles weiterhin funktionieren?

Homeoffice mit Kindern – was uns als Eltern hilft

„Gelassen bleiben“ ist das Gebot der Stunde. Doch gerade das ist oft gar nicht so leicht. Wenn wir etwa wichtige Themen im Video-Call mit Kollegen vorantreiben wollen, ein langer Abschlussbericht oder Kundengespräche erledigt werden müssen und gleichzeitig am selben Tisch das Puzzle der Dreijährigen oder die Mathe-Aufgaben des Achtklässlers auf uns warten. Was können wir tun, um den Spagat zwischen Homeoffice, Homeschooling, Homekindergarten und Leben im neuen Alltag hinzukriegen?

Orte und Zeiten festlegen
Struktur ist das halbe Leben – erst recht, wenn das Leben komplett zuhause stattfindet. Klar festgelegte Plätze und Zeiten für Arbeit und Lernen genauso wie für Pausen und Spielen helfen allen, den Überblick zu bewahren. Ein fixer Arbeitsplatz erleichtert die Konzentration und bedeutet gleichzeitig auch, dass die anderen Orte der Wohnung eben nichts mit Arbeit zu tun haben.

Offen kommunizieren
Offene Gespräche sind die wichtigste Basis guter Zusammenarbeit. Das gilt auch für das gemeinsame Arbeiten zuhause. Wenn wir mit unseren Kindern besprechen, was uns wichtig ist und wo wir auch selbst an unsere Grenzen stoßen, vermeiden wir Unsicherheit und Konflikte. Ein „Das ist mir gerade zu viel“ oder „Ich möchte jetzt kurz allein sein“ ist für Kinder leichter zu akzeptieren als ungelöste Spannungen.

Kindern Verantwortung geben
Unsere Kinder wachsen an Verantwortung und die dürfen wir ihnen auch zutrauen. Indem sie lernen, Situationen und Inhalte selbst einzuschätzen, Dinge auf ihre Weise zu tun und Inhalte selbstständig zu erarbeiten, werden sie nicht nur für die Schule stark, sondern auch für den Rest ihres Lebens. Als Eltern können wir unsere Kinder nun besonders gut auf dem Weg zur Selbstständigkeit begleiten und erleben dabei gleichzeitig, wie es auch uns den Alltag erleichtert.

Homeschooling und Homekindergarten mit Mama und Papa – Was unseren Kindern hilft

Zuhause ist es für viele Kinder am schönsten. Und doch bieten Kindergarten und Schule etwas, das kaum ein Zuhause erfüllen kann: Alltag mit vielen anderen Kindern und speziell ausgebildeten Erwachsenen. Zuhause verläuft Lernen und Spielen natürlich anders und hängt wesentlich davon ab, in welcher Situation wir uns als Eltern befinden. Was können wir tun, um Homeschooling und Homekindergarten so gut wie möglich für unsere Kinder zu gestalten?

Fahrplan festlegen
Vor allem jüngere Kinder brauchen Struktur und einen klaren Plan, wie der Tag oder auch der Rest der Woche abläuft. Fixe Tagesordnungspunkte und klar festgelegte Zeiten fürs Lernen genauso wie für Freizeit und Spielen helfen uns allen dabei, am Ball zu bleiben. Je klarer unser Fahrplan als Eltern, desto einfacher ist es auch für unsere Kinder, ihn einzuhalten.

Druck vermeiden
Allzu hohe Erwartungen und Druck machen echtes Lernen unmöglich und erzeugen in der Familie schlechte Stimmung. Was wir jetzt brauchen, um die Aufgaben des Alltags zu bewältigen, sind Zusammenhalt und das Gefühl, dass wir es gemeinsam schaffen. Es muss nicht alles klappen und die Kinder müssen nicht jede Aufgabe meistern. Dasselbe gilt natürlich auch für uns Erwachsene.

Mut zur Lücke
Viel wichtiger, als alle Lernmaterialien abzuarbeiten, ist es, Kindern einen guten Zugang zu Lerninhalten zu geben und dieses Wissen langfristig zu verankern. Wir kennen unsere Kinder am besten und wissen, wo sie am meisten Hilfe benötigen, wo Wiederholungsbedarf besteht und in welchem Moment so gar nichts mehr geht. Und dann darf auch einmal etwas unerledigt bleiben.

Nachgefragt bei Kerstin Boveland:

Sie sind Lehrerin und berufstätige Mutter. Was braucht es Ihrer Meinung nach für gelungenes Homeschooling?
Gelassenheit ist das Allerwichtigste. Wir sollten als Eltern vermeiden, Druck aufzubauen und unser Kind darin bestärken, einen kritischen Blick zu entwickeln und selbst zu erkennen, was beim Lernen wichtig ist. Wir brauchen Mut zur Lücke! Es geht nicht darum, den Lernstoff stumpf abzuarbeiten, sondern darum, das Gelernte wirklich zu verankern. Dazu gehört auch, dass wir unseren Kindern zutrauen, selbst zu entscheiden, wie sie ihre Aufgaben erledigen und mit welchen Ergebnissen sie zufrieden sind. Das macht Kinder stark und ermöglicht nachhaltiges Lernen. Natürlich hängt der Grad der Selbstständigkeit von dem Alter des Kindes ab.

Welche positiven Erfahrungen können Familien aus dem Homeschooling mitnehmen?
Wir können als Familien zusammenwachsen. Die Erfahrung, all das gemeinsam zu schaffen und als Verbündete etwas zu erreichen, ist sehr wertvoll. Wir können unsere Kinder dabei begleiten, selbstständig zu denken und zu handeln, Verantwortung zu übernehmen, Dinge auch mal auf ihre Weise zu tun. Es ist erstaunlich, was Kinder dabei lernen.

Welchen Tipp würden Sie Eltern geben, um Homeschooling-Stress zu vermeiden?
Wir müssen mit unserem Kind ein Bündnis eingehen. Lernen klappt nicht über Druck, sondern über Motivation. Was dabei hilft, ist das Gefühl, dass wir es gemeinsam schaffen. Dazu gehört auch, das Kind genau im Blick zu behalten und zu akzeptieren, wenn es an seine Grenzen stößt. Druck und Stress machen Lernen unmöglich und sorgen für schlechte Stimmung zuhause. Die Frage ist am Ende immer: Woran denken wir in 10 Jahren zurück beim Thema Corona und Homeschooling? Denken wir dann an Stress und Streit oder daran, was wir gemeinsam geschafft haben?

Kerstin Boveland ist Lehrerin für Englisch und Französisch an einer Stadtteilschule in Hamburg. Als Spezialistin für Digitales Lernen entwickelt sie fachspezifische Unterrichtsbausteine für das Hamburger Digital Learning Lab.