Einzelkind – was hat es mit dem schlechten Ruf auf sich?

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„Ist das zweite schon geplant?“ oder „Ach, nur ein Kind?“ Diese Sprüche haben Eltern von Einzelkindern wahrscheinlich schon häufiger gehört. Ganz gleich, ob es die eigenen Eltern sind oder Freunde aus der Kindergartengruppe des Nachwuchses, das Kind ohne Geschwister aufwachsen zu lassen, hat irgendwie einen schlechten Ruf. Laut aktuellen Studien ist dieser allerdings vollkommen unbegründet: Einzelkinderstehen Geschwisterkindern oft in nichts nach. Die finanzielle Situation, die Balance zwischen Familie und Beruf, die Paarbeziehung oder bessere Karrierechancen, die Gründe, sich gegen weiteren Nachwuchs zu entscheiden sind zahlreich und sollten nicht gerechtfertigt werden müssen.

Woher stammt das Stereotyp „Einzelkind“?

Fortpflanzungsdrang: Menschen sind von Natur aus darauf eingestellt, sich fortzupflanzen. Eine Familie, die nur ein Kind auf die Welt bringt und aufzieht, tut demnach nur wenig für den Erhalt der Menschheit. Im Kern ist diese Auffassung wohl wahr. Im Gegensatz zur allgemein verbreiteten Meinung ist die Zahl der Familien mit einem Kind nicht signifikant gestiegen und es gibt noch ausreichend viele Familien mit zwei oder mehr Kindern, die die Einzelkinder „ausgleichen“.

Schwierige Geschichte: Vor dem zweiten Weltkrieg waren Familien mit fünf oder mehr Kindern der Normalfall. Danach wurden es immer weniger. Kinder, die in dieser Zeit ohne Geschwister waren, kamen meist aus schwierigen Familienverhältnissen, waren verwaist oder wurden unehelich geboren. Besonders letzteres war bis vor ein paar Jahren noch ein Tabuthema und hat zum schlechten Bild von Einzelkindern beigetragen.

Weniger Kontakt zu Gleichaltrigen: Bevor die Betreuung für Kleinkinder ausgebaut und finanziell von Staat unterstützt wurde, war es typisch, dass Einzelkinder erst in der Schule intensiveren Kontakt mit Gleichaltrigen hatten. Bis dahin hatten sie kaum Gelegenheit, ihre sozialen Kompetenzen in dieser Hinsicht zu trainieren und wirkten tatsächlich häufig wie kleine Erwachsene. Heute hat sich das dank Krippen- und Kitaausbau grundlegend verändert und das „typische“ Verhalten von Einzelkindern und Geschwisterkindern ist nicht zu unterscheiden.

Einzelkind – wie wichtig sind Geschwister?

Verbündete Geschwister haben oft eine ganz besondere Bindung. Auch wenn sie sich mal nicht mögen, letztendlich gehören sie jedoch immer zusammen. Sie können ein Team bilden, in dem die Eltern immer ein bisschen außen vor sind.

Gestärktes Durchsetzungsvermögen:

Gechwister müssen oft für das kämpfen, was sie wollen. Selbst triviale Entscheidungen wie die Farbe der Spielfigur werden ausgefochten. Daraus lernen die Kinder aber auch, sich durchzusetzen und Konflikte auszutragen.

Vorreiter in Sachen Erziehung:

Viele kleine Geschwister werden es kennen: Meist haben sie es leichter, ihre Wünsche bei den Eltern durchzusetzen. Die Erstgeborenen haben die wichtigsten Kämpfe oft schon ausgefochten und die Eltern sind ab dem zweiten Kind etwas entspannter - und nachgiebiger.

Geteilte Aufmerksamkeit:

Bei Geschwistern verteilt sich die Aufmerksamkeit der Eltern auf meherere Kinder. So lasten nicht alle Wünsche und Träume der Eltern auf einem einzigen Kind. Außerdem können sich die Geschwisterkinder immer mal wieder zurükziehen, wenn sich die Eltern gerade mal um Sorgen und Probleme der Geschwister kümmern müssen.

Welche Vorteile haben Einzelkinder?

Ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern: Niemand da, mit dem man sich die Liebe und Aufmerksamkeit der Eltern teilen muss – auch wenn es leicht zu viel werden kann, können sich Einzelkinder in der Regel ganz ohne Geschwisterkämpfe auf volle Aufmerksamkeit ihrer Eltern verlassen.

Fähigkeit, Fehler einzugestehen: Die Vase ist umgekippt – Mist. Leider sind keine Geschwister da, auf die man die Schuld schieben könnte. Einzelkinder lernen deshalb schon früh, für ihre Fehler gerade zu stehen. Das ist auch im Erwachsenenleben hilfreich.

Alleinunterhalter: Kinder, die ohne Geschwister aufwachsen, können sich oft besser mit sich selbst beschäftigen. Mama und Papa können nicht immer da sein, um zu spielen. So haben sie nach Kindergarten oder Schule viel Gelegenheit, allein zu spielen.

Gute Teiler: Egoisten, die gern alles für sich allein haben? Das ist ein typisches Einzelkind-Vorurteil. Tatsächlich ist meist das Gegenteil der Fall. Einzelkinder teilen gern und großzügig, wenn sie die Gelegenheit dazu haben, denn sie wurden ja nicht schon ihr Leben lang dazu gezwungen.

Offen und kontaktfreudig: Ohne Geschwister und immer verfügbare Spielkameraden müssen Einzelkinder aktiv für Gesellschaft sorgen. Sie lernen darum schon früh, auf andere Kinder zuzugehen und sind auch als Erwachsene in der Pflege ihrer Freundschaften engagierter.

Einzelkinder sind … wie alle anderen auch

Ganz gleich, aus welchem Grund Sie sich entschließen, nur ein Kind großzuziehen: Sorgen um die Persönlichkeitsentwicklung Ihres Kindes sind unbegründet. Heutzutage kommen Kinder ohne Geschwister ausreichend in Kontakt mit Gleichaltrigen und können ihre sozialen Kompetenzen von Anfang an trainieren. Der schlechte Ruf der Geschwisterlosen wird sich also hoffentlich über kurz oder lang auflösen. Einzelkind oder Geschwisterkind, beides hat Vor- und Nachteile – und Sie sollten ganz alleine entscheiden, wie Sie Ihre Familie gestalten wollen. Ganz gleich, was Oma und Opa oder die Gesellschaft sagen.

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